Dieser Sommer ist für mich ein besonderer. Ich freue mich auf den Besuch eines guten Freundes – Raul aus Kuba. Eine Einladung, die vor einiger Zeit entstanden ist, als ich selbst auf der Karibikinsel war. Damals habe ich ein Angebot gemacht: „Wenn du kannst, komm vorbei. Ich zeige dir Österreich, unser Waldviertel.“
Was ich damals für eine einfache, fast selbstverständliche Geste hielt, entpuppt sich im Nachhinein als etwas viel Größeres. Denn die Vorbereitung auf diesen Besuch – und die vielen Gespräche mit Raul darüber, was ihn hier erwarten wird – haben mich zutiefst nachdenklich gemacht.

Die Normalität des Selbstverständlichen
Wir drehen hier den Schlüssel um, und das Licht geht an. Wir öffnen den Kühlschrank, und das Essen ist kalt. Wir fahren zur Tankstelle, zahlen knapp 2 Euro den Liter, und der Tank ist voll. Das ist für uns Normalität. Das ist für uns so selbstverständlich, dass wir kaum einen Gedanken daran verschwenden.
Raul kennt diese Normalität nicht.
In Kuba gibt es tagelang keinen Strom. Und wenn er da ist, dann oft nur für wenige Stunden. Man kann nicht einfach etwas kaufen und in den Kühlschrank legen – man kauft das, was bei 40 Grad Hitze nicht verdirbt oder was man sofort verbraucht. Die Versorgung ist ein täglicher Überlebenskampf, kein bequemer Einkauf.
Und dann der Sprit. Wenn der Liter Benzin nicht knapp 2 Euro kostet, sondern 4 oder 5 Dollar – und es obendrein kaum welchen gibt. Dann wird Mobilität zum Luxus. Dann wird der Besuch bei der Familie weit weg zu einer unüberwindbaren Hürde.
Der Kollaps einer Lebensgrundlage: Tourismus ohne Strom
Kuba lebt vom Tourismus. Hotels, Casas particulares (Privatunterkünfte), Restaurants – all das ist auf Gäste angewiesen. Aber wer will schon in einem dunklen Hotel wohnen? Wer bucht eine Casa ohne Strom, ohne Klimaanlage, ohne Kühlschrank?
Die Antwort ist ernüchternd: Niemand.


Die Hotels stehen leer – auch jene im Luxussegment. Die Touristen bleiben aus. Die Einnahmen brechen weg. Die Arbeitsplätze verschwinden. Raul hat seinen Job verloren, weil einfach keine Gäste mehr kommen. Was tut man dann? Wie plant man eine Zukunft, wenn die Grundlagen des Lebens jeden Tag aufs Neue unsicher sind?
Was ich von Raul gelernt habe
Ich habe mich oft gefragt: Wie kann man unter solchen Umständen leben? Wie kann man Hoffnung bewahren, wenn alles gegen einen zu arbeiten scheint?
Die Antwort, die Raul mir gegeben hat, ist so einfach wie tief: Man lebt im Hier und Jetzt. Man schätzt, was man hat. Man teilt, was man hat. Und man verliert nie den Humor.



In Kuba habe ich Menschen erlebt, die mit unglaublicher Kreativität und Lebensfreude ihre Umstände meistern. Sie reparieren, was andere wegwerfen. Sie tauschen, was andere kaufen. Sie lachen, wo andere verzweifeln. Das ist keine Verklärung der Armut – es ist schlichter Überlebenswille. Und es hat mich tief beeindruckt.
Die Brücke nach Meiseldorf: Eine Einladung, eine Verpflichtung
Als ich Raul einlud, nach Meiseldorf zu kommen, dachte ich an einen schönen Urlaub, an neue Eindrücke, an unsere Freundschaft. Heute weiß ich: Es ist mehr.
Es ist eine Einladung, die zeigt, wie unterschiedlich unsere Welten sind. Es ist eine Begegnung, die mir selbst den Spiegel vorhält: Wie selbstverständlich nehme ich Dinge, die für andere unerreichbar sind? Wie dankbar bin ich für eine Stromversorgung, die funktioniert? Wie bewusst konsumiere ich, wenn ich weiß, dass es anderswo Menschen gibt, die jeden Bissen planen müssen?
Und es ist eine Verpflichtung: Die Verpflichtung, nicht wegzuschauen. Die Verpflichtung, zu helfen, wo ich kann. Die Verpflichtung, meine Stimme zu nutzen, um auf diese Ungleichheiten aufmerksam zu machen.
Die Maßnahme von heute
Unser Motto lautet: „Die Maßnahme von heute, ist die Lebensqualität von morgen.“
Wenn ich an Raul denke, dann bekommt dieser Satz eine neue Bedeutung. Lebensqualität beginnt nicht erst bei der Photovoltaikanlage auf dem Dach oder beim Elektroauto in der Garage. Sie beginnt bei den Grundlagen des Lebens: bei gesicherter Energie, bei bezahlbaren Lebensmitteln, bei der Möglichkeit, zu arbeiten und zu leben, ohne täglich ums Überleben kämpfen zu müssen.
Was können wir heute tun?
- Dankbar sein. Für das, was wir haben. Jeden Tag.
- Bewusster leben. Nicht verschwenden, was andere nicht haben.
- Hinschauen. Nicht wegsehen, wenn es Menschen schlecht geht – egal ob in Kuba oder vor unserer Haustür.
- Teilen. Was wir haben, können wir weitergeben. Sei es materiell oder menschlich.
- Engagieren. Für eine gerechtere Welt, für nachhaltige Entwicklung, für Frieden und Zusammenarbeit.
Ein Gedanke zum Abschluss
Wenn Raul diesen Sommer bei uns ist, werde ich ihm unser Waldviertel zeigen. Die Wälder, die Teiche, die Gemeinschaft. Ich werde ihm die PV-Anlagen zeigen und die E-Autos. Und ich werde ihm erklären, warum uns das so wichtig ist.
Aber ich weiß, dass er mir etwas mitgeben wird, das ich nicht kaufen kann: Die Erinnerung daran, dass Lebensqualität nicht in Kilowattstunden oder Litern gemessen wird. Sondern in der Fähigkeit, auch in schwierigsten Zeiten Mensch zu bleiben.
Ich freue mich auf dich, Raul. Willkommen in Meiseldorf. Willkommen in Österreich.
