Kaum ein Thema spaltet unsere Gemeinde und Region so sehr wie die Frage der Windkraft. Ich erlebe in Gesprächen zwei prägende, aber sehr unterschiedliche Stimmungen:
Die einen sagen: „Es geht nicht mehr ohne. Die Energiewende ist alternativlos. Wenn wir den Klimawandel auch nur ansatzweise bremsen wollen, müssen wir jetzt bauen – überall, wo der Wind weht.“
Die anderen sagen: „Mit Schrecken sehe ich, wie unser Waldviertel langsam aber sicher zugepflastert wird mit diesen riesigen Anlagen. Das Landschaftsbild wird zerstört. Der Mensch wird krank gemacht durch den Infraschall. Und wem nützt es eigentlich? Den großen Stromkonzernen?„

Beide Seiten sind ehrlich besorgt. Beide Seiten lieben diese Region – jede auf ihre Weise. Und beide Seiten haben Punkte, die man nicht einfach wegwischen kann.
Die Frage ist: Wie kommen wir hier zusammen? Und vor allem: Wird die Energiewende so gelingen – oder scheitern?
Die Angst der einen, die Notwendigkeit der anderen
Wer die Sorgen der Kritiker als „rückständig“ abtut, macht es sich zu einfach. Die Angst vor Veränderung, vor gesundheitlichen Risiken (auch wenn Studien diese meist nicht bestätigen), vor dem Verlust des vertrauten Ausblicks – das sind echte, tief sitzende Gefühle. Sie zu ignorieren wäre nicht nur respektlos, sondern politisch dumm.
Und doch: Wer die Notwendigkeit der Energiewende leugnet, verkennt die Realität. Die fossilen Brennstoffe werden nicht billiger. Die Abhängigkeit von Autokraten wird nicht kleiner. Der Klimawandel hört nicht auf, nur weil wir die Windräder woanders hinstellen.
Also stecken wir fest? Oder gibt es einen Weg?
Ein Blick auf die nackten Fakten: Strom aus der Steckdose – zu welchem Preis?
Ja, der Strom kommt weiter aus der Steckdose. Die Frage ist nur: Zu welchem Preis – finanziell, politisch, ökologisch?
Finanziell: Wer heute auf erneuerbare Energien setzt, produziert nach einigen Jahren den günstigsten Strom, den es gibt. Wind- und Sonnenenergie haben keine Brennstoffkosten. Jede Windkraftanlage, die hier steht, drückt langfristig den Strompreis. Wer dagegen auf fossile Importe setzt, zahlt weiter den Aufpreis für Öl und Gas – mit all seinen politischen Risiken.
Ökologisch: Jedes Windrad ersetzt CO2-Emissionen. Jedes nicht gebaute Windrad bedeutet, dass irgendwo anders (oder gar nicht) gespart werden muss. Die Frage ist nicht ob wir die Landschaft verändern, sondern wie und wo.
Politisch: Jede Kilowattstunde aus heimischer Windkraft ist eine Kilowattstunde weniger aus russischen Pipelines oder fragwürdigen Förderungen. Das ist ein starkes Argument für regionale Unabhängigkeit.
Das Landschaftsbild: Darf man darüber überhaupt noch sprechen?
Ja, unbedingt. Das Landschaftsbild ist kein Luxus. Es ist Teil unserer Identität, unseres Tourismus, unserer Lebensqualität. Das Waldviertel lebt von seiner Natur, seiner Weite, seiner Ruhe.
Aber: Das Landschaftsbild ist nie statisch gewesen. Vor 100 Jahren standen hier Windmühlen, vor 50 Jahren wurden überall Strommasten gezogen, vor 20 Jahren kamen die ersten riesigen Maisfelder für Biogasanlagen. Landschaft verändert sich immer.

Die entscheidende Frage ist: Wie gestalten wir den Wandel, statt ihn einfach über uns ergehen zu lassen?
Können wir Windräder an Stellen bauen, wo sie die geringste optische Beeinträchtigung verursachen?
Können wir Bürger an den Erträgen beteiligen, so dass die Wertschöpfung in der Region bleibt?
Können wir alte Anlagen rückbauen, wenn neue, effizientere entstehen?
Ja, das können wir – wenn wir es gemeinsam wollen.
Die junge vs. die ältere Gesellschaft: Ein unfairer Konflikt?
Die oft gehörte Zuspitzung „Die Alten verhindern die Zukunft der Jungen“ ist mir zu einfach. Aber ein wahrer Kern steckt drin.
Die ältere Generation hat ihre Lebensrealität. Sie hat das vertraute Waldviertel über Jahrzehnte geprägt und geliebt. Dass sich dieses Bild jetzt rasant verändert, ist für viele schmerzhaft. Das muss man respektieren.
Die jüngere Generation wächst mit einer anderen Realität auf. Für sie sind die Sommer 2018, 2019, 2022, 2023 – die Dürren, die Hitze, die Waldbrände – nicht abstrakte Zukunftsszenarien. Sie sind ihre Kindheit. Sie fragen zu Recht: Wollen wir wirklich ausgerechnet jetzt die Energiewende blockieren, wo wir sie dringender denn je brauchen?
Die Lösung liegt nicht darin, eine Generation gegen die andere auszuspielen. Sondern darin, eine gemeinsame Verantwortung zu definieren. Die Älteren können ihre Erfahrung und ihre Ortsverbundenheit einbringen. Die Jüngeren können ihren Blick für die Dringlichkeit schärfen. Beide brauchen einander.
Das System – oder sind wir es selbst?
„Das System ist schuld“ ist der bequemste Satz, den es gibt. Ja, die Rahmenbedingungen sind oft schlecht: Förderungen, die zu langsam kommen, Behördenwege, die zu lange dauern, Gesetze, die zu kompliziert sind. Ja, es gibt Konzerne, die vor allem ihren Gewinn im Blick haben. Ja, die Netze sind nicht überall für die neuen Einspeiser ausgelegt.
Aber: Am Ende sind wir es, die die Systeme bilden. Wir wählen die Politiker. Wir kaufen den Strom. Wir erteilen (oder verweigern) die Zustimmung vor Ort. Das System zu beklagen, ohne selbst etwas zu ändern, führt zu nichts.
Die Lösung – und wo sie liegt
Ich glaube, die Lösung liegt nicht in einem einfachen „Ja“ oder „Nein“ zur Windkraft. Sie liegt in einem „Ja, aber unter guten Bedingungen„.
Hier ist mein Vorschlag für einen Weg nach vorne – konkret, hier vor Ort:
- Keine Tabus, aber klare Regeln: Wir diskutieren offen über jedes Projekt. Aber wir diskutieren auf Basis von Fakten, nicht von Angst. Entscheidungen werden im UVP-Verfahren getroffen – das muss transparent sein.
2. Regionale Wertschöpfung als Muss: Ein Windrad, das unserer Gemeinde nichts bringt, hat hier nichts zu suchen. Ich setze mich für Modelle ein, bei denen die Gemeinde, die Bürger, die umliegenden Betriebe direkt profitieren: günstigerer Strom, Pacht-Einnahmen für öffentliche Projekte, Bürgerbeteiligungen.
3. Akzeptanz durch Aufklärung – nicht durch Belehrung: Niemand wird mit dem Kopf durch die Wand überzeugt. Aber viele Ängste lassen sich durch gute Information entkräften. Wir laden ein zu Infoveranstaltungen, zu Besuchen bestehender Anlagen, zu Gesprächen mit neutralen Fachleuten.
Meine Überzeugung
Die Energiewende wird nicht durch ein einzelnes Großprojekt gelingen. Sie wird auch nicht scheitern, weil wir hier ein Windrad weniger bauen. Sie wird gelingen, wenn wir vor Ort lernen, schwierige Entscheidungen miteinander zu treffen. Wenn wir akzeptieren, dass es keinen perfekten Standort gibt – aber bessere und schlechtere. Wenn wir bereit sind, für das große Ganze (Klima, Unabhängigkeit, leistbarer Strom) auch einen kleinen persönlichen Preis zu zahlen.

Die Maßnahme von heute – die Entscheidung für oder gegen ein Windrad, die Art und Weise, wie wir miteinander diskutieren – ist die Lebensqualität von morgen.
Nicht für mich. Für meine Kinder. Und für ihre Kinder.
Ich lade Sie alle ein, diesen Weg mit mir zu gehen. Es wird nicht einfach. Aber es ist der einzige Weg, der uns alle mitnimmt.
Ihre Meinung zählt. Kommen Sie ins Gespräch.